Kaua Santos patzt in der Schlussphase beim SC Freiburg und bringt Eintracht Frankfurt um den wichtigen Sieg. Sportvorstand Markus Krösche wiegelt Diskussionen ab, die zusätzliche Unruhe ist aber Gift für die Hessen.

Wie das Leben von Kevin Trapp in Paris aktuell so ist, lässt sich nur erahnen. Bei der 1:2-Niederlage seines Paris FC in Lens saß der langjährige Keeper von Eintracht Frankfurt am Sonntag wieder einmal 90 Minuten auf der Bank. Wirklich zu grämen scheint sich Trapp, dem seine Rolle im Team vor seinem Wechsel bewusst war, aber wohl nicht. In den sozialen Medien sieht man ihn entweder gutgelaunt im Training oder als Modell für eine Klamottenmarke. Trapp genießt das Leben in der (Mode)-Hauptstadt der Liebe.

Warum das alles wichtig ist? Nach mittlerweile sieben absolvierten Bundesliga-Spieltagen mit insgesamt 18 Gegentreffern und sechs weiteren in zwei Champions-League-Partien fragen sich nicht wenige, ob Trapp im Frankfurter Kasten nicht doch besser aufgehoben wäre als im Pariser Leben eines Teilzeit-Torhüters. Sein Nachfolger Kaua Santos musste in fünf Einsätzen bereits 18 Mal hinter sich greifen, beim Auswärtsspiel am Sonntag in Freiburg (2:2) patzte der Brasilianer bei einem Freistoß von Vincenzo Grifo in der Schlussphase entscheidend und steht nun mehr denn je in der Kritik.

Santos lädt Grifo zum Toreschießen ein

Aber der Reihe nach: Bei einem Freistoß aus halbrechter Position kurz vor Spielende entschied sich Santos für eine Zwei-Mann-Mauer und positionierte diese aus Sicht des Schützen viel zu weit links. Da er selbst zudem viel zu offensichtlich auf eine Flanke spekulierte und falsch stand, lud er den italienischen Nationalspieler förmlich zum Schießen ein. Grifo, der später zugab, dass es angesichts des Bildes, das sich vor ihm ergab, „Klick“ gemacht habe, zirkelte den Ball ins kurze Eck. Ausgleich, der nächste Dämpfer, statt Aufbruch neue Unruhe.

„Wenn du als Torhüter so einen Gegentreffer bekommst, dann bist du in der Verlosung mit drin. Kaua hat sich dazu entschieden, offensiver zu sein, das war keine gute Entscheidung“, monierte Sportvorstand Markus Krösche nach der Partie im Gespräch mit mehreren Medien. Trainer Dino Toppmöller ergänzte auf der Pressekonferenz, dass er mit seinem Schlussmann über diese Situation sprechen müsse. „Er muss sich da besser anstellen. Entweder er holt einen Spieler mehr rein in die Mauer oder er verteidigt das kurze Eck.“ Klare Worte, klare Sache: Das Ding geht auf Santos.

Santos steht nicht zur Diskussion

Sportchef Krösche war im Anschluss an die Partie dann zwar sichtlich darum bemüht, den Ball auch verbal flachzuhalten und wiegelte eine mögliche Diskussion um den 22-Jährigen ab. Auch Trainer Dino Toppmöller betonte, intern nicht über eine Santos-Ablösung zu sprechen. Eine Rolle rückwärts und die Rückkehr von Michael Zetterer zwischen die Pfosten soll es nicht geben. Klar ist aber auch: Die Eintracht hat aktuell ein Problem, für das sie selbst verantwortlich ist. Die Position im Tor ist eine völlig unnötige und damit hausgemachte Baustelle. Die ohnehin wackelige Defensive hat einen verunsicherten Torhüter hinter sich, eine gefährliche Mischung.

Zur fairen Einordnung sei an dieser Stelle gesagt, dass Santos in den vergangenen Wochen meist die ärmste Sau auf dem Platz war und in 16 von 18 Fällen die Böcke seiner Vorderleute schlicht nicht mehr ausbügeln konnte. Beim vogelwilden Spiel in Gladbach segelte er in der Nachspielzeit unter einer Flanke durch und ermöglichte den Treffer zum 4:6, nun in Freiburg war ihm wohl nicht bewusst, dass Grifo einer der besten Bundesliga-Freistoßschützen aller Zeiten ist. Der Rest seiner Auftritte war in Ordnung bis solide. Dass diese Flut an Gegentoren trotzdem Spuren bei Santos hinterlässt, dürfte klar sein.

Santos strahlt keine Sicherheit aus

Und genau das ist der entscheidende Punkt: Dank eines immer wieder wiederholten Satzes bei FUSSBALL 2000, dem Eintracht-Videopodcast des Hessischen Rundfunks, ist es in großen Teilen der Frankfurter Fans mittlerweile ein Running Gag, dass Kevin Trapp stets mit dem Zusatz versehen wird, dass er Sicherheit ausstrahlt. Kevin Trapp strahlt Sicherheit aus! Fünf Wörter, in denen viel Wahrheit und eine für das Torhüter-Spiel enorm wichtige Eigenschaft steckt. Der Keeper ist der Anker für seine Abwehrspieler und kann diese im Positiven wie im Negativen anstecken. Ein stabiler Trapp stärkt den gesamten Defensivverbund, ein wackeliger Santos eben nicht.

Nun kann man Santos, und das ist die nächste Einschränkung in der Torhüter-Diskussion, nicht mal einen Vorwurf machen. Der Zeitpunkt für sein Comeback zwischen den Pfosten hätte aus seiner Sicht wohl nicht schlechter sein können. Auf den mannschaftlichen Totalausfall gegen Union Berlin folgte das absurde Spiel in Gladbach und die beiden Duelle gegen die Übermächte aus Madrid und München. Die Folgen dieser (nervlichen) Belastung wurden jetzt beim ausführlich besprochenen Gastspiel im Breisgau sichtbar. Im Nachhinein lässt sich sagen: Santos war zur falschen Zeit am falschen Ort und muss nun mit den Konsequenzen leben.

Warum diese Eile?

Was jedoch Fragen aufwirft und für die aktuell herrschende Unruhe sorgt, ist die Vehemenz, mit der Santos in der Hierarchie zunächst an Trapp vorbeigedrückt und nun zur Nummer eins erklärt wurde. Klar: Der Brasilianer mag auf der Linie herausragend sein, seine Leistungen in der vergangenen Saison in Istanbul oder Tottenham waren spektakulär. Dass er aber immer wieder auch Fehler einbaute und beispielsweise die Niederlagen im Bundesliga-Heimspiel gegen Mainz oder auch das Europa-League-Aus gegen Tottenham verschuldete, wurde schnell vergessen.

Auch bei Santos gilt natürlich: Ein junger Spieler kann sich nur weiterentwickeln, wenn er spielt. Die Eintracht setzt auf Talente und hat mit dieser Vorgehensweise in der Vergangenheit für Furore gesorgt. Dass die Torhüter-Position ein Spezialfall ist und jeder Fehlgriff größere Auswirkungen hat als ein Fehlpass des Linksverteidigers oder reihenweise vergebene Chancen eines Mittelstürmers erfahren die Hessen gerade schmerzhaft. Die Entscheidung pro Santos steht.

Ob es das wirklich Wert war, erst Trapp zu degradieren und dann auch Zetterer auf die Bank zu setzen, steht aber noch in den Sternen. Klar ist: Die aktuelle Unruhe ist Gift für die Eintracht. Und diese Unruhe hat sie selbst ausgelöst.

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