Fr. Jun 14th, 2024
Millionen Menschen schauen Influencern und Youtubern beim Auspacken von Pokémon-Karten zu. Erst kürzlich legte Internetstar Logan Paul fünf Millionen Euro für die teuerste Sammelkarte hin. Aber taugen Pokémon tatsächlich als Wertanlage?

Jannik Alfter kennt sich aus mit Geldanlagen: Der 29-Jährige ist von Beruf Immobilienmakler. Privat hat sein wertvollstes Besitzobjekt allerdings keine vier Wände, sondern vier Ecken. Es ist ein Bilderrahmen. Oder besser gesagt, das was sich darin befindet: 16 bunte Pokémon-Karten.

Es ist ein äußerst begehrtes und seltenes Set aus dem Jahr 1999, wie Alfter erklärt. Allein eine der Karten, die ein rosafarbenes kugeliges Pokémon namens Chaneira zeigt, sei bis zu 15.000 Euro wert. “Die gibt es nur 13 Mal.”

Weltweit gebe es nur sechs oder sieben vollständige Sets in diesem Zustand, erklärt Alfter. Er selbst habe zweieinhalb Jahre gebraucht, um alle Karten zu bekommen. “Ich habe dafür mal 100.000 Euro geboten bekommen, aber abgelehnt”, sagt er. Er selbst habe zwar auch einiges an Geld dafür investiert, insgesamt aber deutlich weniger.

Weltweiter Siegeszug der japanischen Sammelkarten

Als 1996 das erste Pokémon-Spiel in Japan auf den Markt kam, rechnete wohl niemand damit, dass die Karten fast 30 Jahre später solche enormen Werte erreichen könnten – selbst der Hersteller Nintendo nicht. Der Siegeszug der bunten Spiel- und Sammelkarten ging dann aber in rasendem Tempo rund um den Globus und machte auch in deutschen Klassenzimmern Halt. Das war mehr als nur ein vorübergehender Trend à la Tamagotchi, wie sich herausstellen sollte.

Seit einigen Jahren erleben die Pokémon-Karten ein regelrechtes Revival, und zwar nicht nur bei Kindern. Auch der Sammlermarkt unter Erwachsenen boomt – besonders unter denjenigen mit einer Kindheit rund um die Jahrtausendwende. Was als Hobby anfing, ist für Menschen wie Jannik Alfter inzwischen sogar eine echte Geldanlage geworden.

Teuerste Pokémon-Karte aller Zeiten

Erst vor einem Jahr wurde beispielsweise eine Sammelkarte verkauft, die das gelbe Pokémon-Maskottchen Pikachu als Künstler zeigt. Die “Illustrator CoroCoro Comics Promo” war im Jahr 1998 ursprünglich 39 Mal bei einem japanischen Zeichenwettbewerb verschenkt worden.

Logan Paul, ein US-Amerikaner, der als Blödel-Youtuber begann und es zu Weltruhm als Influencer, Geschäftsmann und mittlerweile sogar als Boxer und Wrestler gebracht hat, kaufte ein Exemplar der Karte für 5,3 Millionen Dollar. Sie ist damit die bislang teuerste Pokémon-Karte aller Zeiten.

Influencer filmen sich beim “Boxbreak”

Befeuert wird der Hype um die Karten heutzutage vor allem im Internet: Zahlreiche Youtube-Kanäle befassen sich ausschließlich mit dem Thema, Influencer auf der ganzen Welt filmen sich bei hochemotionalen “Boxbreaks”.

Es sind Videos von vor Freude weinenden und schreienden Erwachsenen, die Pokémon-Karten auspacken und dabei erhoffte Raritäten finden – zum Teil mit Millionen Klicks.

Auch Jannik Alfters Freundin Tanja Kluge war von Anfang an dabei. Mit elf Jahren habe die Leidenschaft begonnen, erzählt die Frankfurterin. Und sie habe bis ins Erwachsenenalter angehalten. Heute ist die 35-Jährige Pokémon-Influencerin. Kluge hat ihr Leben komplett den Karten verschrieben: als Youtuberin, Händlerin – und vor allem als Sammlerin.

Frankfurter Influencerin: “Nostalgie pur”

Die Wohnung der Frankfurterin gleicht einer Art Pikachu-Paradies, wenn man so will. Hier gibt es signierte Karten, eingerahmte Karten und noch eingepackte Karten. Es gibt japanische Karten, englische Karten und portugiesische Karten. Es gibt Karten in Plastikhüllen, Karten in Glasvitrinen und stapelweise Karten.

Eingerahmt wird alles von bunten Postern, Kuscheltieren und Leuchtreklamen. Für sie sei das “Nostalgie pur”, sagt Kluge. “Das sind für mich Erinnerungen an meine Kindheit, die sehr glücklich war.” Sie komme außerdem aus einer “Sammler-Familie”, das Hobby wurde ihr also in die Wiege gelegt.

“Wie eine Aktie”

Auch Kluge hat einige wertvolle Sammelkarten, wenn auch eher im Bereich von einigen hundert Euro, wie sie sagt. Sie meint: Sie habe inzwischen wohl mehr Geld in ihr Hobby investiert, als die Sammlung wert sei.

Aber trotzdem glaube sie: Wer so früh angefangen habe und sorgsam mit der Sammlung umgegangen sei wie sie, der oder die könne durchaus Geld damit verdienen. Allerdings gebe es ein gewisses Risiko dabei. “Das ist wie eine Aktie”, meint sie. “Man weiß nie, wie sich der Wert entwickeln wird.”

Verkauf fällt oft schwer: emotionaler Wert der Karten

Außerdem stellt Kluge fest: Die Wertsteigerung habe man schließlich auch nur, wenn man den Verkauf dann auch realisiert. Für echte Sammlerinnen wie sie ist das nicht immer leicht – die Karten haben für sie schließlich auch einen emotionalen Wert.

Kluge zeigt eine goldene “Holo-Karte”, eine schimmernde Karte, die sie schon seit Kindheitstagen besitzt. “Ich wollte die damals unbedingt haben, habe sie aber leider nie gezogen”, erzählt sie. Ihre Oma habe die Karte dann auf dem Flohmarkt entdeckt und für 20 Mark gekauft. “Mittlerweile ruft die in diesem Zustand etwa 250 bis 300 Euro auf”, meint Kluge. Verlassen werde diese Karte ihre Sammlung allerdings nie.

Wirtschaftsprofessor rät von Pokémon als Investment ab

Der Frankfurter Wirtschaftsprofessor Michael Grote meint: Das Interesse an Pokémon-Karten und anderen Sammelobjekten wie Turnschuhen oder Uhren als Geldanlage sei in den vergangenen Jahren erkennbar gestiegen.

Der Professor führt dies vor allem auf den Niedrigzins zurück. “Die Leute wussten überhaupt nicht mehr, wohin mit ihrem Geld, und sind dann auf solche alternativen Anlagen gegangen, die dann vergleichsweise attraktiv gewirkt haben.”

Seiner Ansicht nach seien Sammelkarten als echte Geldanlange allerdings nicht wirklich geeignet. “Sie haben ein großes Risiko, weil es immer sein kann, dass sie irgendwann keiner mehr haben will.” Zudem könne nur mit sehr wenigen der Millionen Karten im Umlauf Geld verdient werden.

Hinzu komme: Der Markt sei staatlich komplett unreguliert, der Hersteller alleine könne bestimmen, wie viel wovon gedruckt wird.

Vergleich mit Briefmarken: dramatischer Preisverfall

In allererster Linie sei Pokémon-Sammeln ein Hobby, meint Grote. Man müsse darauf gefasst sein, dass man dafür eher Geld ausgeben als verdienen werde. “Es kann einige wenige geben, die damit tatsächlich viel Geld verdienen, aber das ähnelt dann einem Lottogewinn.”

Als Tipp würde Grote potentiellen Pokémon-Investoren raten, sich vorher mal mit der Geschichte des Briefmarken-Sammelns zu befassen, die lange Jahre als beliebte Sammlerobjekte galten. Heute gebe es aber nur noch wenige Sammler, es habe daraufhin einen dramatischen Preisverfall gegeben.