Di. Jul 23rd, 2024

Ein Untersuchungsausschuss soll jetzt die Corona-Politik in Hessen aufarbeiten. Wie weit er gehen darf, werden vermutlich Verfassungsrichter entscheiden. Bis das geklärt ist, könnten wir uns selbst auch einige Fragen stellen, oder?

Am Mittwochabend hat der Landtag einen Corona-Untersuchungsausschuss installiert. Die AfD hat dies per Minderheitenrecht erreicht. Sie will nach eigenen Angaben Fehler aufdecken, die in der Politik gemacht worden seien.

Im Rückblick ist laut dem jüngsten hr-hessentrend vom April eine knappe Mehrheit der Hessen zufrieden mit der Corona-Politik. Viele Menschen wünschen aber auch eine politische Aufarbeitung dieser dramatischen Zeit, unter deren Folgen viele Menschen bis heute leiden.

Welche Fragen bei der Aufarbeitung im Landtag an Politiker und Experten letztlich gestellt werden dürfen, ist wegen eines Streits über die laut Verfassung begrenzten Kompetenzen eines solchen Ausschusses aber noch offen. Wie wäre es, wenn wir mit der Befragung einfach schon mal anfangen – bei uns selbst?

Sich selbst verzeihen

Wer es ernst meint mit der Aufarbeitung, der könnte sich unabhängig von der Verantwortung der Politiker doch fragen: Habe ich selbst etwas falsch gemacht? Und wenn ja, was? Was habe ich in der unübersichtlichen und stressigen Lage der ersten Pandemie meines Lebens falsch eingeschätzt?

Und um ein inzwischen geflügeltes Wort des früheren Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU) aufzugreifen: Was muss ich mir selbst verzeihen?

Hamster und Vitamin B

Hier ein erster denkbarer Ansatz mit einem Dutzend Fragen für einen Corona-Untersuchungsausschuss in eigener Sache:

  • Habe ich 2016 Witze darüber gemacht, dass der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) jedem Haushalt Notvorräte für zehn Tage empfahl?
  • Habe ich beim Ausbruch der Pandemie Nudeln, Klopapier und/oder Masken gehamstert?
  • Hatte ich den Mundschutz im vollbesetzten Bus am liebsten unter dem Kinn hängen?
  • Habe ich mich nach dem starken Mann gesehnt, der endlich mal durchregiert?
  • Habe ich über Politiker geschimpft, ohne zu bedenken, dass ich vielleicht angesichts der Last der Verantwortung nicht mit ihnen hätte tauschen wollen?
  • Habe ich Lockdown-Gegner leicht zu Schwurblern erklären können, weil ich mit meiner Rundum-Sorglos-Existenz als Erbe, Beamter oder festangestellter Redakteur leicht reden hatte?
  • Ist in mir der Blockwart erwacht, wenn sich trotz Kontaktsperre mal mehrere Jugendliche abends an der Bushaltestelle getroffen haben?
  • Fußte mein hartes Urteil über Impfskeptiker zu einem großen Maß auf Selbstgefälligkeit?
  • Habe ich auf Demos “Corona-Diktatur” gerufen, obwohl ein solcher Widerspruch in einer Diktatur kaum erlaubt wäre?
  • Habe ich Vitamin B genutzt, um in einer Praxis einen Impftermin zu bekommen, obwohl ich zu keiner Risikogruppe gehörte?
  • Habe ich mich länger als nötig im Homeoffice verdrückt oder telefonisch krankschreiben lassen, um daheim Netflix-Serien zu schauen oder endlich die Gartenhütte fertig zu bekommen?
  • Habe ich damals auf dem Balkon fürs schwer belastete medizinische Personal geklatscht und fahre trotzdem in die Notaufnahme, sobald mir ein Furz querliegt?

Die Liste ist ohne Anspruch auf Vollkommenheit oder Vollständigkeit. Wenn Sie ihn ändern oder ergänzen würden: Vorschläge können Sie gerne weiter unten machen. Falls Sie es für kompletten Unfug halten: Immer raus damit!

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