Fr. Jun 21st, 2024

Die Wirtinnen des gekündigten Höher’s Eck lassen ihr Traditionslokal auferstehen – in der Kolonie Bornholm 1 in Prenzlauer Berg. Kleingärten und Kneipen gehören zur Stadt und bleiben wichtige Erholungsorte. Gerade in bewegten Zeiten. Wir haben das Bornholm’s besucht.

Bornholm’s: Traditionskneipe trifft auf Traditionsausflugslokal

Feierabend im Kleingartenlokal.  Bei Weizenbier, Schnitzel und Gurkensalat, zwischen Holzlauben, Hollywoodschaukeln und Hertha-Fahnen, genießt man die Abendsonne und stößt auf einen erfolgreichen Tag im Beet an. „Mensch, die haben ja Strammen Max, jetzt komme ich jeden Tag vorbei“, sagt eine Frau in Unkrautzupfmontur im Vorbeigehen. Und es stimmt: Im Vereinshaus der Anlage Bornholm 1 könnte man wirklich die ganze Woche verbringen.

Es ist die gleiche Magie, die Gärten und Kneipen versprühen. Eine Zauberkraft, die Zeitverhältnisse auflösen kann. Auf der Terrasse oder am Tresen wird es auch nach vielen Stunden nicht langweilig, bei einer Berliner Weiße im Stehen spürt man den Geist vergangener Zeiten. Menschen kommen zusammen und jede Plauderei fühlt sich plötzlich wichtig an.

Das Höher’s Eck musste nach 100 Jahren schließen. Ein herber Verlust in Berlins Eckkneipenlandschaft. Foto: Lennart Koch

Die gerade unter dem neuen Namen Bornholm’s wiedereröffnete Bauernstube ist ein solcher Ort. Ein grüner Treffpunkt  mitten in der Stadt. Und das seit mehr als hundert  Jahren. Der Apostroph im neuen Namen ist eine Hommage an das Höher’s Eck. Die Traditionskneipe in der Gleimstraße musste im vergangenen Jahr trotz großer medialer Anteilnahme, Protesten der Stammgäste und einer Petition mit mehr als 11.000 Unterschriften schließen – nachdem sich eine einzelne Anwohnerin immer wieder beschwert hatte. Institutionen wie diese gibt es nicht mehr viele in Prenzlauer Berg.

Im Bornholm’s leben nun gleich zwei Berliner Ikonen mit gebündelter Kraft wieder auf. „Unsere Stammkunden in der Kneipe haben auf jeden Fall mehr getrunken“, sagt Athina Dürre, „jetzt gibt’s halt auch noch Essen. Es ist etwas ganz anderes, aber Kleingärten und Kneipen gehören beide einfach zu Berlin.“

Asyl für eine Eckkneipe: Das Höher’s Eck lebt im Bornholm’s weiter

Im Dezember erhielt die ehemalige Wirtin des Höher’s die Schlüssel für die Bauernstube, nachdem die langjährigen Betreiber sich in die Rente verabschiedet hatten. Fast drei Monate dauerten die Renovierungsarbeiten. Viele alte Wegbegleiter halfen aus und stehen heute wieder an der Bar. Mit neuem Namen, neuem Look, neuem Konzept und neuem Team führt Athina gemeinsam mit ihrer Mutter Andrea Dürre die traditionelle Gaststätte in die Zukunft. Genau so, wie sie es schon beim Höher’s geschafft hatte.

Tolle Scholle: Die Kleingartenkolonie Bornholm 1 zeigt, wie nah Wohnen und Erholung
beieinander liegen können. Foto: Clemens Niedenthal

Die Theke haben sie mitgenommen und wiederaufgebaut, die Jukebox natürlich auch. Das ganze Jahr über sollen hier Speisen und Getränke angeboten und öffentliche Vereins- und Kiezfeste, Partys und Konzerte ausgerichtet werden. Egal ob Saisoneröffnung mit Tanz in den Mai, die Fête de la Musique oder das traditionelle Erntedankfest: Bornholm’s macht mit. „Wir wollen zeigen, dass Kleingartenkolonien gar nicht so piefig sind, wie manche denken“, sagt Dürre. Eine weitere Parallele zur Berliner Kneipenlandschaft: Orte, in die man sich vorher vielleicht nicht hineingetraut hätte, oder in denen man zumindest als Fremdkörper aufgefallen wäre,  öffnen sich aktiv für alle. „Hier sollen alle zusammenkommen, Jung und Alt, Gärtner, Spaziergänger, Kneipenfreunde“, sagt Dürre. Auch wenn die Stammkundschaft häufig erstmal skeptisch auf Veränderungen reagieren würde, seien sie am Ende alle zufrieden. „So war das doch im Höher’s auch“, sagt sie.

Auf der Website von Bornholm 1 heißt es: „Herzlich Willkommen!“ statt „Zutritt nur für Vereinsmitglieder!“ Der 1896 gegründete Kleingartenverein wolle die Stadtnatur in der dicht bebauten Innenstadt dauerhaft erhalten und sich noch stärker im Kiez verankern. In diese Entwicklung reiht sich auch die Übernahme durch die Höher’s-Leute ein. Der Vorstand war aktiv auf die ehemaligen Kneipenwirtinnen zugegangen. Eine Aktion der Solidarität, die Aufmerksamkeit erregt und ein Zeichen gegen Verdrängung setzt. Außerdem bricht sie mit dem Klischee des egoistischen Kleingärtners, der lieber hinter der eigenen Hecke bleibt. Ein polarisierendes Bild, das gerade in Zeiten großer Wohnungs- und Straßenbauprojekte seitens der Politik und Baufirmen gerne ausgespielt wird.

Ein paar Grad kühler: Kneipen und Kleingärten sind wichtig für die Stadt:

Einen eigenen Garten zu haben, bleibt ein Privileg. Allein auf der Warteliste der Kolonie Bornholm 1 stehen derzeit 70 Bewerber:innen. „Trotzdem profitiert die ganze Stadt von den Kleingärten“, sagt Trevor Sears, Landschaftsarchitekt und Stellvertretender Vorsitzender  des Vereins. Die Grünflächen seien wichtige Erholungsorte, Klimaregulatoren, Grüne Oasen und Berliner Geschichte. „Eltern können hier ihre Kinder rumrennen lassen, ohne Angst vor Autos haben zu müssen und im Sommer ist es hier immer ein paar Grad kühler“, sagt der gebürtige Kanadier.

Trevor Sears, Landschaftsarchitekt und Stellvertretender Vorsitzender der Kolonie Bornholm 1 im Vereinslokal Bornolm’s. Foto: Clemens Niedenthal

Seit 1995 lebt er im Kiez. Viel hat sich verändert in den Jahren, die Lieblingskneipen sind alle weg. „Berlin verliert immer mehr von dem, was die Stadt mal ausgemacht hat“, sagt er. Auch stadtplanerisch bewege man sich zurück. Man denke nur an den Ausbau der A100 oder die immer noch lebensgefährlichen Bedingungen für Fahrradfahrer:innen im Straßenverkehr.  „Die Leute brauchen Treffpunkte und Abwechslung vom Großstadtstress. Dafür sind Gärten, Parks und natürlich auch Kneipen da. Es ist schön, dass wir all das verbinden können“, sagt Sears.

Bereits die Eröffnungswoche sei ein Erfolg gewesen, „mit Leuten von überall und alle hatten Spaß. Genau wie wir es haben wollen“, sagt der stellvertretende Vorsitzende, „so wie damals im Höher’s Eck.“ Drei Jahre läuft der Pachtvertrag mit Athina und Andrea Dürre. Erstmal. „Ich bin mir sicher, dass das gut wird und weitergeht“, sagt Sears.  Am Nachbartisch nimmt eine Gruppe Studierender Platz, die man eher in einer hippen Bar in der Oderberger Straße erwarten würde. „Haben wir irgendwo online gefunden, klang gemütlich“, sagt einer von ihnen. Natürlich bestellen sie Strammen Max und Pils. Geht ja gut los. Die Kneipe ist zurück, die Kleingärten waren immer da!

  • Bornholm’s in der Kleingartenkolonie, Bornholm 1, Björnsonstraße 5, Prenzlauer Berg, Mi–Sa ab 16 Uhr, So ab 10 Uhr, online

Berliner Ikonen (1): Die Kleingartenkolonie

Aktuell gibt es in Berlin 877 im Landesverband der Gartenfreunde e.V. organisierte Kleingartenkolonien mit rund 71.000 Parzellen. Knapp 20.000 Bewerber:innen stehen derzeit auf den Wartelisten für eine Laube und ein Stück Hauptstadtgrün. Je nach Bezirk müssen sie sich bis zu acht Jahre gedulden. Die Renaissance des Laubenpiepens hat auch zu einem Wandel in der Kleingartenkultur geführt: Viele Kolonien öffnen sich bewusst der Stadtgesellschaft – mit Gartenfesten, integrativen Gemeinschaftsgärten oder eben mit Vereinslokalen, die explizit auch als Nachbarschaftstreff fungieren. Ein Hintergrund ist ihre zunehmend fragile Position in einer enger werdenden Stadt.  So werden die Kleingärten etwa gegen Wohnraum ausgespielt, 15 Kolonien sind aktuell gefährdet. Der Berliner Senat konnte sich nur zu einem halbherzigen Bekenntnis zur Kleingartenkultur hinreißen. Um möglichst viele Parzellen zu erhalten, soll deren Größe künftig auf 250 Quadratmeter begrenzt werden.

Berliner Ikonen (2): Die Eckkneipe

Berlin war um 1900 die Stadt mit der höchsten Kneipendichte Europas. Wie auch die Gartenlauben waren die Kneipen dabei ein Ventil, um Luft aus der grassierenden Wohnraumkrise zu lassen: Viele sogenannte Schlafgänger, die ein Bett nur für einige Stunden am Tag mieteten, verbrachten viel Zeit in ihrer Kneipe. 1905 kamen auf gut 150 Einwohner:innen eine Kneipe, heute soll es noch rund 1.400 typische Bierlokale in Berlin geben. Das Verhältnis der Stadt zur traditionellen Eckkneipe ist dabei ambivalent: Einerseist verjüngt sich das Kneipenpublikum wieder, Orte wie die Gaststätte W. Prassnik auf der Torstraße oder der Blaue Affe im Schillerkiez sind richtiggehend hip. Andererseits wird ihr Lärmpegel selbst in typischen Ausgehkiezen kaum mehr toleriert. Das Ende des Höher‘s Eck in Prenzlauer Berg erzählt so auch von Deutungsgefechten bezüglich des Sounds dieser Stadt.

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