Mo. Jun 24th, 2024

Von New York nach Mittelhessen: Der amerikanische Künstler Ryan Bock sucht derzeit in Lich nach Spuren seiner deutsch-jüdischen Familie. Was er findet, macht er zu faszinierender Kunst. Diese zeigt er jetzt der Öffentlichkeit.

Von Sonja Fouraté

Als Ryan Bock im vergangenen Jahr Deutschland besuchte, fühlte sich einiges “merkwürdig vertraut” an, wie der amerikanische Künstler erzählt. Dass er weißen Spargel mochte zum Beispiel, dieses urdeutsche Gemüse, oder Dill.

Bock und 18 weitere Mitglieder seiner jüdischen Familie waren im März 2023 nach Lich gekommen, um mehr über die Geschichte ihrer Ahnen zu erfahren. Das Städtchen nahe Gießen ist für die inzwischen über die ganze Welt verstreute Familie von besonderer Bedeutung.

Samuel Löw Bock: Stammvater einer großen Familie

Hier kam im Jahr 1749 Samuel Löw Bock zur Welt, ihr Stammvater und einstiger Vorsteher der örtlichen jüdischen Gemeinde. Später wurde auch die Familie Bock Opfer der Shoah, allerdings nicht in Lich, denn von dort waren Mitglieder im 19. Jahrhundert nach Gießen, Frankfurt oder Berlin gezogen.

Und so wurden im März 2023 für einen Zweig der Familie in Frankfurt Stolpersteine verlegt. Ryan Bock beschloss in diesen Märztagen, dass er das “vertraute Gefühl” weiter erkunden will.

“Meine deutschen Wurzeln waren ein Teil meiner Identität, mit dem ich mich bis dahin nicht näher beschäftigt hatte”, erzählt der 34-Jährige. “Es fühlte sich aber wichtig an.”

Die Bocks waren ausgesprochen kunstaffin

Derzeit lebt er für drei Monate in Lich – um Kunst zu produzieren, auszustellen und seine Wurzeln weiter zu erkunden. Am Donnerstag und Freitag lädt er nachmittags zum offenen Atelier ein. Zu sehen sind über ein Dutzend teils großformatige Bilder, mit denen er unter anderem seine Familiengeschichte verarbeitet.

Was er nicht gewusst habe: Außergewöhnlich viele Mitglieder der Familie seines Vaters waren im Kunstbereich aktiv. “Da waren Sammler, Händler, einige waren selbst Künstler oder mit Künstlern verheiratet.” Diese Kunstaffinität habe weit zurückgereicht.

Einige Sammler seien auch wichtige Mäzene gewesen. So übereignete der Zigarrenfabrikant Gustav Bock während des Ersten Weltkriegs über 100 Werke seiner “lieben Vaterstadt” Gießen, wie er damals schrieb. Die Werke lagern heute im Oberhessischen Museum.

Großvater als Übersetzer gebraucht

Auch der Zweite Weltkrieg und die Shoah seien kaum Thema in seiner Familie gewesen, sagt Bock. Zwar sei sein Vater mit ihm nach Auschwitz gereist, über das Schicksal der eigenen Familie sei aber selten geredet worden. So viel wisse er: Sein Großvater hatte die Shoah überlebt, weil die Nationalsozialisten ihn als Übersetzer in Nordafrika brauchten.

Später sei er mit der Großmutter zunächst nach Südafrika gegangen. Verbittert über das Erlebte, habe er kaum darüber gesprochen. Alles Deutsche habe er abgelehnt – so habe sein Vater dem Großvater nicht erzählen dürfen, dass er sich irgendwann einen VW gekauft habe, erzählt Bock.

“Warum bringen wir uns immer wieder gegenseitig um?”

In seiner eigenen Kunst treibe ihn die Frage um, was Menschen einander antun können: “Wie kommen wir immer wieder an den Punkt, dass wir uns gegenseitig umbringen?”, fragt er sich auch mit Blick auf die jüngste Gewalteskalation in Israel. “Warum lernen wir nicht daraus?”

Die Farbgebung seiner Bilder symbolisiere die Gewaltthematik ebenfalls: Bocks Werke sind mit Fassadenfarbe gemalt und überwiegend in Schwarz, Weiß und Grau gehalten. In seine Licher Werke mischt sich auch Braun. “Die Farben und scharfen Kontraste symbolisieren gewaltvolle Gegensätze”, erklärt er.

Schach als mörderisches Spiel

Motive, die auch bei seinen jüngst in Lich entstandenen Bildern immer wieder auftauchen, sind Schachfiguren: “Für mich ist Schach ein Symbol für Konflikt und Krieg”, sagt er. “Es ist ein Spiel, ja, aber eines, bei dem man mörderische Triebe ausleben kann.”

Ästhetisch sind seine Werke maßgeblich vom Dadaismus und vom Kubismus beeinflusst – Kunstbewegungen, in denen Machtsysteme und Gewalt ebenfalls eine große Rolle gespielt hätten, erklärt Bock. Der Sturm aufs Kapitol vom 6. Januar 2021 ist bei Bock eine faszinierende Welle aus Schatten und abstrakten Formen, die auf das Symbol der amerikanischen Demokratie zurollt.

Bild thematisiert “importierte Nazi-Wissenschaftler”

Neben seiner Familiengeschichte spielen in den Licher Bildern die gemeinsame Kultur und Wissenschaft von Deutschen und Amerikanern eine große Rolle, sagt der Künstler. Das großformatige Werk “Operation Paper Clip” zum Beispiel thematisiere “importierte Nazi-Wissenschaftler”. Der bekannteste ist der Physiker Wernher von Braun, unter Hitler Entwickler der V2-Rakete, später Raumfahrtpionier in Amerika.

Davon habe er in der Schule nie gehört, sagt der in Kalifornien geborene Bock, genauso wenig wie von der Tatsache, dass das Thema “Rassenhygiene” auch eine amerikanische Idee gewesen sei. John Harvey Kellogg etwa, Erfinder der berühmten Cornflakes, sei ein glühender Eugeniker und Anhänger der “Rassenhygiene” gewesen. Die amerikanischen Rassengesetze seien eine wichtige Inspiration für Hitler gewesen.

Eine weitere Verbindung, die ihn fasziniere, sei die zwischen den Brüdern Grimm und Walt Disney. Dieser habe sich vieler Märchen deutschen Ursprungs bedient und damit amerikanische Werte entscheidend mitgeprägt, etwa eine gewisse Besessenheit von Prinzessinnen, sagt Bock. In Lich hat der Künstler unter anderem ein Grimm-Porträt und eine eigene Interpretation der Bremer Stadtmusikanten geschaffen.

Spiel mit Erwartungen an Künstler

Bleibt die Frage, warum Bock in der Öffentlichkeit ausschließlich mit Skimaske bekleidet auftritt. “Das hat verschiedene Gründe”, erklärt er. “Ich habe zunächst vor allem Streetart gemacht und wollte, dass meine Kunst für sich steht – auch wenn eigentlich nicht möglich ist.” Mit der Zeit sei es ein Schutz geworden, um von Unbekannten nicht erkannt zu werden.

Außerdem spiele er gern mit Erwartungen an Künstler und den Starkult, der einige von ihnen umgibt. “Ich habe mich bewusst dazu entschlossen, dabei nicht mitzumachen”, sagt er und ergänzt augenzwinkernd: “So könnte ich auch jemand anderen zu einem Interview schicken.”

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