Über Telegram sehen sich tausende Männer Videos von Vergewaltigungen an, die sie teils selbst begangen haben. In München muss ein Mann dafür jetzt elf Jahre und drei Monate ins Gefängnis. Im Zentrum des Netzwerks steht ein Frankfurter Serienvergewaltiger.

Es sind Abgründe, die sich in dem Telegram-Chat auftun. Mehr als 2.000 Männer tauschen sich dort aus, geben sich Tipps, vergleichen Dosierungen. Sie sprechen in Codes. Was dahinter steckt: Vergewaltigungen. „Autofahren“ nennen sie das. Die Frauen, ihre betäubten Opfer, heißen „tote Schweine“ oder „halbtote Schweine“.

Was sich hinter diesen Begriffen verbirgt, ist ein Netzwerk systematischer sexualisierter Gewalt – organisiert über den Messengerdienst Telegram in zahlreichen Chat-Gruppen. Manche haben nur wenige Mitglieder, andere haben tausende.

Wegen Vergewaltigung wird gegen sechs Mitglieder aus den verschiedenen Gruppen ermittelt: in Berlin, Hamburg, Frankfurt und Los Angeles.

Student zu elf Jahren Gefängnis verurteilt

Am Dienstag ergeht das bereits dritte Urteil gegen einen der Täter aus dem Netzwerk. Das Landgericht München verurteilt den Studenten Zhongyi Y. zu über elf Jahren Gefängnis. Das Gericht in München sieht es als erwiesen an, dass der geständige Angeklagte seine damalige Freundin über Monate hinweg in seiner Wohnung insgesamt achtmal betäubt und vergewaltigt hat – teilweise über Stunden.

Die Videos, die der Angeklagte davon anfertigt, nennt eine Ermittlerin nach Angaben des Gerichts „das Schlimmste, was sie je gesehen habe“. 

Erinnerungen an den Fall Pelicot

Das Vorgehen erinnert an den Fall Pelicot. Über zehn Jahre lang betäubt der Franzose Dominique Pelicot seine Frau Gisèle und bietet sie im Internet anderen Männern zu Vergewaltigung an. Dafür erhält er im Dezember 2024 die Höchststrafe für Vergewaltigung in Frankreich: 20 Jahre Gefängnis.

Auch wenn sich die Taten ähneln, ein Vorbild für die Chatgruppe ist Pelicot nicht. Die Taten der Männer, die nun in Deutschland vor Gericht stehen, beginnen lange vor dem Bekanntwerden ihres Falls.

Wie Dominique Pelicot verwenden die Täter aus dem Netzwerk Betäubungsmittel, um ihre Opfer gefügig zu machen. Wie das am besten klappt, besprechen sie vorher in Chats mit Gleichgesinnten. Als mutmaßlicher Initiator dieser Netzwerke gilt ein Mann aus Frankfurt, der bereits wegen ähnlicher Taten verurteilt wurde: Dapeng Zh.

Dapeng Zh. ist in all diesen aufgeflogenen Chat-Gruppen Mitglied.

Der Drahtzieher lebt in Frankfurt

Die Polizei nimmt den 44-jährigen Zh. im November 2024 an seinem Arbeitsort im Kreis Groß-Gerau fest. Bei ihm finden die Beamten zahlreiche Videos auf Datenträgern, die laut Staatsanwaltschaft Frankfurt unter anderem Vergewaltigungen von Frauen zeigen, die offenkundig betäubt sind.

Die TAZ schreibt darüber hinaus von mehr als zehn Millionen Bilddateien mit Darstellungen teilweise schwerster sexueller Gewaltz.

Doch die Beamten finden Ende 2024 noch mehr. Sie bekommen über einen Link zu einer Telegram-Gruppe Einblick in eine Welt, in denen Männer Videos von Frauen teilen, die sie erst betäuben und in Lebensgefahr bringen, um sie dann zu vergewaltigen. „Autofahren.“

Nur weil die Polizei den offenbar führenden Mann im Netzwerk schnappt, kommt sie auch den anderen Männern auf die Spur. Die mutmaßlichen Täter und fast alle Opfer stammen aus China oder haben einen Bezug zu Ostasien.

Verfahren auf der ganzen Welt

In ganz Deutschland werden seitdem Verfahren gegen Verdächtige aus dem Telegram-Chat eingeleitet, die mit Medikamenten gehandelt haben sollen, die zur Betäubung verwendet werden können. Das teilt die Staatsanwaltschaft Frankfurt auf hr-Anfrage mit.

Der Hessische Rundfunk hat Gerichtsurteile ausgewertet und mit Staatsanwälten und Richtern in Frankfurt, Berlin und Hamburg gesprochen.

In bisher sechs Fällen sind die Ermittlungsbehörden wegen des Verdachts der Vergewaltigung gegen Mitglieder der Chatgruppen aktiv. Wir stellen dar, wer diese Männer sind.

  • Dapeng Zh., Frankfurt

Seine erste bekannte Vergewaltigung verübt Zh. laut Gericht im Januar 2021. Das Opfer ist seine eigene Freundin. Der heute 44-Jährige mischt ihr demnach Betäubungsmittel ins Glas, später führt er diese über einen Schlauch rektal ein.

Über dreieinhalb Jahre lang macht er weiter. Seine Taten werden immer brutaler, so schildert es das Gericht. Die Beschreibungen der Taten ähneln Szenen aus einem Horrorfilm.

Geboren wird Dapeng Zh. im Norden Chinas. Nach seinem Bauingenieurs-Studium kommt er 2005 nach Deutschland. Selbstbeschreibung: Hobby-Fotograf.

Bereits als Jugendlicher schaut Zh. laut Gericht Pornos mit Vergewaltigungs-Szenen aus dem Bestand seines Vaters. Daraus seien die entsprechenden Fantasien entstanden. Über Telegram tauscht sich Zh. in mehreren Gruppen über seine Vorstellungen aus – doch dabei soll es nicht bleiben.

Eine führende Rolle spiele Dapeng Zh. in den Chats, sagt Dominik Mies, Sprecher der Frankfurter Staatsanwaltschaft. Er verkauft dort Medikamente und gibt Hinweise, wie diese am besten zur Vergewaltigung eingesetzt werden.

Das Urteil schildert eine eskalierende Gewalt in den kommenden Jahren. Zh. greift demnach weitere Frauen an: Nachbarinnen, Kolleginnen, Zufallsbekanntschaften. Er nutzt Vertrauen und Alltagssituationen.

In einem Fall übernachtet er in Nürnberg bei einer alleinerziehenden Mutter mit einem elf Monate alten Kind, so schildert es das Gericht. Die Frau vermietet ihre Wohnung unter.

Zh. habe ihr eine Praline geschenkt – mit Schlafmittel versetzt. Über Stunden vergewaltigt er sie nach Überzeugung des Gerichts. Damit sie nicht aufwacht, verabreicht er ihr weitere Narkosemittel. Für die Frau bedeutet dies konkrete Lebensgefahr.

Erst Baby gefüttert, dann Mutter vergewaltigt

Zwischendurch wird das Baby wach. Zh. gibt ihm Milch. Dann vergewaltigt er die Frau weiter.

In der Chatgruppe schreibt Zh., er habe ein „großes ausländisches Gefährt gefahren“. Die Frau erfährt erst von der Polizei von ihrer eigenen Vergewaltigung.

2024 ändert Zh. seine Taktik. Das führt schließlich zu seiner Verhaftung.

Der 44-Jährige gibt sich in einem Wohnungsinserat als Frau aus. Bei der Wohnungsbesichtigung in Frankfurt überwältigt er sein Opfer mit einem in Narkosemittel getränkten Tuch. Er fesselt und vergewaltigt die Frau. Sie sagt aus, bis heute unter der Tat zu leiden. Sie denke über Suizid nach. Ihrem Ehemann habe sie bis heute nichts über die Vergewaltigung erzählt.

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