Mit Segelfliegen wurde auf der Wasserkuppe Geschichte geschrieben. Während der Nazi-Zeit kam ein dunkles Kapitel hinzu. Das Deutsche Segelflugmuseum hat sich die Aufarbeitung zum Ziel gesetzt – und präsentiert den Besuchern in einer neuen Ausstellung Eindrucksvolles und Erstaunliches.
Die Wasserkuppe ist einer der touristischen Leuchttürme mit großer Strahlkraft in (Ost-)Hessen und darüber hinaus. Hessens höchster Berg (rund 950 Meter) gilt auch als die Geburtsstätte des Segelflugs. Das dortige Deutsche Segelflugmuseum widmet sich nun erstmals in einer Ausstellung einem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte: der Nazi-Zeit.
Die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus (NS) war in dem fürs Segelfliegen weltweit einmaligen Museum bislang unterbelichtet, wie auch Museums-Vorstand Bernd Vogt einräumte. Nun ist aber ein erster Schritt unternommen worden. Das Museum hat gerade den ersten von drei Ausstellungs-Bausteinen zur NS-Zeit fertiggestellt. Weitere Bausteine sollen in den kommenden beiden Jahren folgen.
Aufarbeitung auch für UNESCO-Bewerbung
Eine Auseinandersetzung mit der NS-Zeit schien dem Museum auch geboten, damit das Segelfliegen Chancen hat, eines Tages von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt zu werden. Die UNESCO ist eine Organisation der Vereinten Nationen, die sich unter anderem um Bildung, Wissenschaft und Kultur kümmert. Sie fördert den Erhalt und Schutz des Kulturerbes.
Im Segelflugmuseum geht es vor allem um die Geschichte und die Weiterentwicklung des Flugsports. Die Ausstellung zeigt auf 4.000 Quadratmetern 60 Originale und Nachbauten. Sie spannt den Bogen von ersten Gleitern bis hin zu High-Tech-Geräten, mit denen schon Weltrekorde aufgestellt wurden.
Nazi-Größe machte Propaganda fürs Fliegen
Rechts in einer Ecke des ersten großen Hauptsaals befindet sich nun der erste Teil der NS-Ausstellung. Auf einer Wand ist eine historische Schwarzweiß-Aufnahme eines Segelfliegers zu sehen, der am hinteren Teil mit einem Hakenkreuz versehen ist. Daneben prangt das Zitat: „Das deutsche Volk muss ein Volk von Fliegern werden.“
Der Ausspruch stammt von Nazi-Größe Hermann Göring aus dem Jahr 1933. Der Reichsluftfahrtminister versuchte mit diesem berühmten und vielfach verbreitetem Zitat Propaganda zu machen. Er formulierte damit auch den Anspruch des Regimes, Deutschland zu einer weltweit führenden Luftstreitmacht aufzubauen.
Fliegerei als militärische Waffe
Zur Verwirklichung des Ziels mussten im Dritten Reich zunehmend Piloten ausgebildet werden. Und eine der Reichsfliegerschulen wurde auf der Wasserkuppe eingerichtet. „Die Fliegerei wurde leider dann von den Nazis missbraucht. Denn die Luftfahrt war und ist eine strategische und militärische Waffe“, sagt Museumsführer Thomas Grothe.
Grothe sieht durchaus Parallelen in der Gegenwart. „In modernen Kriegen wie in der Ukraine sieht man, dass auch Drohnen als Kampfmittel eingesetzt werden.“ Heute sind Drohnen mit explosiver Ladung unbemannt. Im Dritten Reich brauchte es aber Personal für die Fluggeräte. Die forcierte Akquise und Ausbildung startete nach der Machtübernahme.
Im wegweisenden Jahr 1933 beginnt ein beispielloser Aufschwung für die Segelflugbewegung. Das NS-Regime baute im Zuge eines großangelegten Rüstungsprogramms die Luftwaffe auf. Innerhalb weniger Jahre mussten Piloten, Bordpersonal und Funker in großer Zahl ausgebildet werden. Dafür vereinnahmten die Nationalsozialisten den Segel- und Modellflugsport – auch in der Rhön.
Tastmodell vom Groenhoff-Areal
Das Fliegerlager wurde zur „Reichssegelflugschule Wasserkuppe“ ausgebaut, wie es damals hieß. Wie diese Entwicklung vonstatten ging, zeigt die Ausstellung unter anderem. Die Schau besteht aus Stellwände mit Texten, Bildern, Dokumenten, Plakaten, Zeitungsartikeln, Film-Clips sowie anderen Exponaten.
Eines der zentralen Exponate ist ein Tastmodell (berühren ausdrücklich erlaubt), das Größe und Aufbau des Areals zeigt. Das sogenannte Groenhoff-Areal, die damalige „Fliegerburg“, ist benannt nach dem legendären Fluglehrer Günter Groenhoff. Der Segelflug-Pionier stürzte 1932 nahe der Wasserkuppe ab und starb im Alter von 24 Jahren.
Heute verfällt das weitgehend ungenutzte Groenhoff-Areal auf der Wasserkuppe in Gersfeld (Fulda) allmählich. Es fehlt an Konzepten zum Erhalt oder zur Weiterentwicklung und Investoren. Es herrscht Stillstand, wie die „Fuldaer Zeitung“ berichtete. Auch von der Landesregierung kamen keine guten Nachrichten.
Lastensegler für Soldaten und Fahrzeuge
Mehr Bewegung war früher auf dem Areal, wie die Ausstellung zeigt. Besucher erfahren etwa nicht nur, wie die Ausbildung des Piloten-Nachwuchses lief und welche politische Intention dahinter steckte. Besucher sehen auch Abbildungen und Erklärungen zu sogenannten Lastenseglern.
Die Messerschmitt ME 321 Gigant etwa hatte eine imposante Spannweite von 55 Metern und konnte wegen ihres zulässigen Startgewichts von mehr als 34 Tonnen neben Truppenteilen sogar Fahrzeuge transportieren. „Der Lastsegler wurde eingesetzt, um Mensch und Material hinter die feindlichen Linien zu transportieren. Er blieb wegen seiner Holzbauweise vom Radar unbemerkt“, erklärte Museumsführer Grothe.
Im nächsten Teil geht’s um Raketen-Antriebe
Im nächsten Teil der Ausstellung zur Flugsport-Geschichte auf der Wasserkuppe unter der Nazi-Herrschaft soll es unter anderem um Fluggeräte mit Raketen-Antrieb gehen. Der dritte Teil ist noch nicht konzipiert.